Mata Hari Tanz Mit Dem Tod

Pressearbeit ist ungefähr das genaue Gegenteil von Geheimdiensttätigkeit. Zwar geht es in beiden Bereichen darum, andere zu durchleuchten und im eigenen Sinne zu beeinflussen. Aber Ziel von Public Relations ist die veröffentlichte Meinung und damit mittelbar die Stimmung in der Öffentlichkeit, während Nachrichtendienste möglichst unerkannt Informationen sammeln oder umgekehrt, aber ebenfalls so verdeckt wie möglich gegnerische Agenten daran hindern, also Spionageabwehr betreiben.

Es dürfte im Laufe des 20. Jahrhunderts nicht viele Chefs von Geheimdiensten gegeben haben, die gleichzeitig als Pressechefs amtierten. Einen gab es auf jeden Fall: Walter Nicolai, den Leiter der Abteilung IIIb im preußisch-deutschen Generalstab und später in der Obersten Heeresleitung (OHL).

Seit 1913 unterstand ihm der militärische Nachrichtendienst des Heeres (die Marine hatte einen eigenen, viel kleineren), außerdem die Spionageabwehr – und zu Beginn des Ersten Weltkriegs übertrug Generalstabschef Helmuth von Moltke d. J. dem gerade 41-Jährigen überraschend zusätzlich die Verantwortung für die Pressearbeit und die Propagandaarbeit der OHL. An den heute vergessenen, einst aber geheimnisumwitterten „Dunkelmann“ erinnert jetzt der Bundeswehroffizier und Historiker Christian Stachelbeck in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Militärgeschichte“.

Walter Nicolai Mata Hari kombo
Die bekannteste Agentin von Geheimdienstchef Walter Nicolai war die Tänzerin Mata Hari

Quelle: Gemeinfrei

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Wie kam es zu dieser seltsamen Kombination von Zuständigkeiten? Nach dem deutschen Angriff auf Belgien und Frankreich, über dessen Hintergründe auch mehr als hundert Jahre später noch gestritten wird, entfalteten die Gegner des Deutschen Kaiserreichs umgehend eine höchst erfolgreiche, demagogische Propaganda in neutralen Ländern und unter den eigenen Soldaten.

Deutsche Kriegsgräuel, die tatsächlich stattgefunden hatten, etwa bei Repressalien in Belgien, wurden weit übertrieben dargestellt. Die Rede war von massenhaft vergewaltigten belgischen Nonnen, von gewohnheitsmäßig abgeschlagenen Händen und ähnlichen Bestialitäten.

„Es genügt nicht, die feindliche Propaganda als Ausgeburt völkischer Entartung abzutun“, schrieb Nicolai 1920 darüber in seinem Buch „Nachrichtendienst, Presse und Volksstimmung im Weltkrieg“, das 1920 erschien. Hilflos war die erste Reaktion im der OHL:Als die ersten Beweise von der Gehässigkeit der feindlichen Propaganda vorlagen, war es das Ergebnis einer Beratung bei der Zentrale für Auslandsdienst im Auswärtigen Amt, einen Psychiater als Sachverständigen zuzuziehen, der den anormalen Geisteszustand des Feindes aus den Erzeugnissen seiner Propaganda nachweisen sollte.“

Soldaten druckten Satirezeitung in den Schützengräben

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Während des Ersten Weltkriegs fanden britische Soldaten eine Druckerpresse in den Trümmern der belgischen Stadt Ypern - und begannen inmitten von Blut und Dreck eine Satirezeitung zu drucken.

Quelle: Die Welt

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Nicolai dagegen schlug vor, in die Offensive zu gehen und Gegenpropaganda zu betrieben – also Entlarvung der gegnerischen Behauptungen und gleichzeitig Angriffe auf den Feind mit denselben Methoden. Diese Art von „Öffentlichkeitsarbeit“ war dann gar nicht mehr so weit entfernt von Geheimdienstarbeit.

Nicolais Abteilung IIIb entwickelte sich nun „zur zentralen militärischen Stelle in allen Fragen der psychologischen Kriegführung“, schrieb der frühere wissenschaftliche Chef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Wilhelm Deist. Konsequenterweise fungierte Nicolai selbst als Pressechef der OHL, zusätzlich zu seinen anderen Aufgaben.

Im Krieg wurde der Nachrichtendienst immer wichtiger. Damit wuchs Nicolais Abteilung, wie Stachelbeck ausgerechnet hat, zwischen Herbst 1915 und Sommer 1918 von 77 auf 188 Offiziere. Besonders große Erfolge hatte sie trotzdem nicht, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeitsarbeit: Die Kritik an der Heimatfront nahm zu. Zwar verlor das Kaiserreich den Krieg ohne Zweifel an der Front, vor allem durch militärische Fehlkalkulationen wie die Schlacht um Verdun oder die große Frühjahrsoffensive 1918, sowie politisch, nicht aber durch einen angeblichen „Dolchstoß“.

Gleichwohl spielte Kriegsmüdigkeit daheim eine wichtige Rolle. Nicolais Bemühungen blieben in einem Sumpf konkurrierender Zuständigkeiten und Interessen stecken. „Seine Sicht auf die öffentliche Meinung war ohnehin nur begrenzt manipulierbar, da etwa Presseerzeugnisse neutraler Staaten weiterhin frei zur Verfügung standen“, stellt Stachelbeck fest.

“Leben und Sterben des Leutnant Rümmelein“

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Die N24-Reportage “Im großen Krieg“ widmet sich dem “Leben und Sterben des Leutnant Rümmelein“. Der Soldat hat im ersten Weltkrieg über 1000 Fotos aufgenommen und Hunderte Feldpostkarten geschrieben.

Quelle:

War er also als Öffentlichkeitsarbeiter der OHL nur sehr eingeschränkt erfolgreich, so traf dasselbe noch mehr für sein eigentliches Kernaufgabengebiet zu, den militärischen Nachrichtendienst. Zwar behauptete Nicolai in seinen Kriegserinnerungen, seine Abteilung IIIb sei „niemals und von nichts überrascht worden“.

Doch den Eintritt der Vereinigten Staaten aufgrund der Ausrufung des unbeschränkten U-Boot-Krieges sah er ebenso wenig voraus wie die Bedeutung der Neuentwicklung Panzer. Ohnehin ist unklar, wie wichtig seine nachrichtendienstliche Tätigkeit war: An der folgenreichen Fahrt des Revolutionärs Wladimir Lenin nach St. Petersburg 1917 war die Abteilung IIIb offenbar unbeteiligt. Trotzdem behauptete Nicolai im Rückblick, Lenin habe „meinem Nachrichtendienst wertvolle Nachrichten über die Zustände im zaristischen Russland geliefert“.

Die Spionin Marta Hari hatte er zwar persönlich angeworben. Doch sie war in Paris und Madrid lange nicht so erfolgreich, wie es ihr legendärer Ruf vermuten lässt. Das Todesurteil wegen Hochverrats jedenfalls stand in keinem Verhältnis zu den Informationen, die sie tatsächlich weitergeben hatte.

Zum eigenwillig wendungsreichen Lesen des Walter Nicolai gehört, das letztlich eine frei erfundene Gruselgeschichte sein Schicksal besiegelte. Nach seinem Abschied Anfang November 1918 war er für seine ehemaligen Generalstabskollegen so etwas wie eine „persona non grata“ und hatte mit dem Geheimdienstgeschäft gar nichts mehr zu tun. Auch unter Hitler änderte sich daran nichts.

Berühmte Spionagefälle und ihre Akteure

Schon die Mongolen verließen sich nicht auf offene Machtdemonstration. Ihrer Invasion in China ging langes Ausspionieren der feindlichen Verteidigung voraus.

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Schon die Mongolen verließen sich nicht auf offene Machtdemonstration. Ihrer Invasion in China ging langes Ausspionieren der feindlichen Verteidigung voraus.

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Die Sizilianische Vesper von 1282 war ein rundum gelungenes Geheimdienstunternehmen. Spione von Byzanz klärten die Pläne der Anjou auf und inszenierten ein Massaker, dem die Franzosen zum Opfer fielen.

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Die Sizilianische Vesper von 1282 war ein rundum gelungenes Geheimdienstunternehmen. Spione von Byzanz klärten die Pläne der Anjou auf und inszenierten ein Massaker, dem die Franzo...sen zum Opfer fielen.

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Den professionellen Diplomaten, die sich in der Frühen Neuzeit etablierten, folgten Spione auf dem Fuß. Auf dem Wiener Kongress 1814/15 sammelten sie Bettgeflüster – Curd Jürgens und Lilli Palmer in „Der Kongress amüsiert sich“ (1966).

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Den professionellen Diplomaten, die sich in der Frühen Neuzeit etablierten, folgten Spione auf dem Fuß. Auf dem Wiener Kongress 1814/15 sammelten sie Bettgeflüster – Curd Jürgens u...nd Lilli Palmer in „Der Kongress amüsiert sich“ (1966).

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Im Amerikanischen Bürgerkrieg organisierte Allan „The Eye“ Pinkerton (l. neben Präsident Abraham Lincoln) den Geheimdienst des Nordens.

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Im Amerikanischen Bürgerkrieg organisierte Allan „The Eye“ Pinkerton (l. neben Präsident Abraham Lincoln) den Geheimdienst des Nordens.

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Bei Mata Hari (1876-1917) – Deckname H 21 – ging es um Luxus und Sex.

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Bei Mata Hari (1876-1917) – Deckname H 21 – ging es um Luxus und Sex.

Quelle: picture alliance //HGE/rs

Auch der österreichische Geheimdienst-Obrist Alfred Redl (l.; 1864-1913) verkaufte Informationen für Geld, das er für seine Lustknaben brauchte.

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Auch der österreichische Geheimdienst-Obrist Alfred Redl (l. hinten im Wagen; 1864-1913) verkaufte Informationen für Geld, das er für seine Lustknaben brauchte.

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Der technische Fortschritt etablierte professionelle Nachrichtensammler. Die Entschlüsselung der deutschen Codiermaschine Enigma ...

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Der technische Fortschritt etablierte professionelle Nachrichtensammler. Die Entschlüsselung der deutschen Codiermaschine Enigma ...

Quelle: picture alliance / Photoshot/PHT_ENIGMA rh

... und der japanischen Codes beeinflusste maßgeblich den Zweiten Weltkrieg. Dennoch konnten die Amerikaner die Versenkung der US-Pazifik-Flotte in Pearl Harbor (Foto) nicht verhindern.

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... und der japanischen Codes beeinflusste maßgeblich den Zweiten Weltkrieg. Dennoch konnten die Amerikaner die Versenkung der US-Pazifik-Flotte in Pearl Harbor (Foto) nicht verhin...dern.

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Der Agent Richard Sorge informierte Stalin, dass Japan 1941 nicht in Sibirien angreifen werde. Die Fotomontage zeigt den Spion rechts von Kaiser Hirohito.

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Der Agent Richard Sorge informierte Stalin, dass Japan 1941 nicht in Sibirien angreifen werde. Die Fotomontage zeigt den Spion rechts von Kaiser Hirohito.

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Reinhard Gehlen leitete die Abteilung Fremde Heere Ost der Wehrmacht und baute später den Bundesnachrichtendienst auf.

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Reinhard Gehlen leitete die Abteilung Fremde Heere Ost der Wehrmacht und baute später den Bundesnachrichtendienst auf.

Quelle: picture-alliance / Sven Simon/SVEN SIMON

Das Ehepaar Julius und Ethel Rosenberg wurde in einem spektakulären Prozess 1951 in New York wegen Verrats von Atom-Geheimnissen für schuldig befunden und zum Tode verurteilt.

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Das Ehepaar Julius und Ethel Rosenberg wurde in einem spektakulären Prozess 1951 in New York wegen Verrats von Atom-Geheimnissen für schuldig befunden und zum Tode verurteilt.

Quelle: picture alliance / dpa/rf/tm spe htf

Vier der Cambridge Five, die im britischen Geheimdienst für die Sowjetunion spionierten (im Uhrzeigersinn): Sir Anthony Blunt, Donald MacLean, Guy Burgess und Harold Kim Philby.

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Vier der Cambridge Five, die im britischen Geheimdienst für die Sowjetunion spionierten (im Uhrzeigersinn): Sir Anthony Blunt, Donald MacLean, Guy Burgess und Harold Kim Philby.

Quelle: picture-alliance / United Archiv

Klassische Geheimdienstarbeit: Günter Guillaume (l.) bespitzelte für die Stasi Bundeskanzler Willy Brandt.

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Klassische Geheimdienstarbeit: Günter Guillaume (l.) bespitzelte für die Stasi Bundeskanzler Willy Brandt.

Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PR/RH

Doch 1941 behauptete der Exilschriftsteller Curt Riess in seiner in New York erschienenen und recht erfolgreichen Kolportage „Total Espionage“, Nicolai sei der Kopf eines nazistischen Geheimdienstnetzwerkes. In Wirklichkeit war er abgeschoben worden zum „Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschlands“.

Doch das interessierte den sowjetischen Generaloberst Iwan Alexandrowitsch Serow 1945 überhaupt nicht. Der Leiter des NKWD in der Sowjetischen Besatzungszone ließ den bereits 72-jährigen Nicolai festnehmen und nach Moskau verschleppen. Hier starb er 1947 an den Folgen der Haft im Gefängnis Butyrka. Sein Leichnam wurde verbrannt, die Asche auf den Donskoje-Friedhof verscharrt. Offiziell bestätigt wurde sein Tod erst 1979.

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Source : https://www.welt.de/geschichte/article167392359/Mata-Haris-deutscher-Chef-war-zuletzt-eine-persona-non-grata.html

Danke Glücklich, dieses Fußballnachrichten zu lesen
Spionage Mata Haris deutscher Chef war zuletzt eine „persona non grata“
Emmanuel Carrère Das falsche Drehbuch
Nachkolorierte Fotos: Zeitmaschine
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